Klauenpflege und Rinderverhalten
Stressarme Klauenpflege bei Kühen: Ruhig in den Klauenpflegestand
Ein übersichtlicher Treibweg, ruhige Bewegungen und eine klare Position der beteiligten Personen können Kühen den Weg in den Klauenpflegestand erleichtern.
Stressarme Klauenpflege beginnt nicht erst im Klauenpflegestand. Sie beginnt bei der Vorbereitung des Treibweges und bei der Frage, wie die Kuh ihre Umgebung wahrnimmt.
Der Klauenpfleger ist vor Ort, der Klauenpflegestand ist vorbereitet und alle Arbeitsmittel liegen bereit. Trotzdem bleibt die erste Kuh vor dem Eingang stehen. Sie senkt den Kopf, weicht zurück oder versucht, wieder zur Herde zu gelangen.
In diesem Moment entsteht schnell Zeitdruck. Menschen verändern ihre Position, sprechen lauter oder versuchen, das Tier mit mehr Druck vorwärtszubewegen. Dadurch wird der vorgesehene Weg für die Kuh jedoch nicht automatisch verständlicher.
Häufig liegt der Grund für das Stehenbleiben direkt vor dem Tier. Ein auffälliger Schatten, eine Spiegelung, ein Schlauch, ein ungewohnter Boden oder eine Person im Eingangsbereich können den Tierfluss unterbrechen.
Warum Kühe vor dem Klauenpflegestand stehen bleiben
Eine Kuh bleibt nicht zwangsläufig stehen, weil sie störrisch ist. Rinder reagieren aufmerksam auf Veränderungen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Besonders auffällige Kontraste auf dem Boden und ungewohnte Geräusche können dazu führen, dass ein Tier anhält, den Kopf senkt oder zurückweicht.
Eine wissenschaftliche Beobachtungsstudie zeigte, dass scharf abgegrenzte Schatten häufiger mit Stehenbleiben und Zurückweichen verbunden waren. Auch störender Lärm erschwerte das Vorwärtsbewegen der Tiere. Die Untersuchung fand nicht während der Klauenpflege statt. Sie zeigt jedoch, welchen Einfluss die unmittelbare Umgebung auf das Bewegungsverhalten von Rindern haben kann. 1
Bevor Du zusätzlichen Druck ausübst, lohnt sich deshalb zuerst ein genauer Blick auf den Weg vor der Kuh.
1. Den gesamten Treibweg vorbereiten
Ein vorbereiteter Klauenpflegestand allein reicht nicht aus. Kontrolliere vor der ersten Kuh den gesamten Weg vom Stall bis zur Fixierung.
- Schläuche, Kabel und Werkzeuge liegen nicht im Laufweg.
- Der Boden ist sauber und bietet ausreichend Halt.
- Pfützen und auffällige Spiegelungen werden vermieden.
- Harte Schatten und starke Helligkeitsunterschiede werden reduziert.
- Tore sind vollständig geöffnet und verursachen möglichst wenig Lärm.
- Planen, Jacken und andere bewegliche Gegenstände befinden sich nicht im Sichtfeld.
- Der Eingang zum Klauenpflegestand bleibt frei.
- Die Kuh kann erkennen, in welche Richtung sie gehen soll.
Auch lautes Rufen, schlagende Tore und Geräusche von Metallteilen können Tiere verunsichern. Ein ruhiger Arbeitsbereich schafft keine vollständige Stressfreiheit, kann aber vermeidbare Störungen reduzieren.
2. Den Kontakt zur Herde berücksichtigen
Kühe sind soziale Tiere und orientieren sich an ihren Artgenossen. Wird eine einzelne Kuh aus ihrer bekannten Gruppe in einen ungewohnten Bereich geführt, können die neue Umgebung und die soziale Trennung gleichzeitig auf das Tier einwirken.
In einer wissenschaftlichen Untersuchung führte soziale Isolation in einer fremden Umgebung zu einem messbaren Anstieg der Cortisolkonzentration. Die Versuchssituation entspricht nicht vollständig einem Klauenpflegetermin. Sie zeigt jedoch, dass soziale Trennung in Verbindung mit einer ungewohnten Umgebung ein relevanter Belastungsfaktor sein kann. 2
Ein passend aufgebauter Vorwartebereich kann deshalb hilfreich sein. Dort können wenige Tiere in Sichtkontakt zueinander warten. Der Bereich sollte nicht überfüllt werden. Die passende Größe hängt vom Betrieb, von der Tiergröße, vom Treibweg und vom verwendeten Klauenpflegestand ab.
3. Eine Person gibt die Richtung vor
Mehrere Personen, die gleichzeitig rufen, winken oder aus unterschiedlichen Richtungen Druck ausüben, senden widersprüchliche Signale. Für einen übersichtlichen Ablauf sollte deshalb eine Person die Kuh führen. Weitere Personen sichern lediglich die vorgesehenen Wege.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass aversive Erfahrungen das spätere Verhalten von Kühen beeinflussen können. Tiere, die unangenehm gehandhabt wurden, zeigten anschließend stärkeres Vermeidungsverhalten und benötigten mehr Zeit, um erneut durch den entsprechenden Bereich zu gehen. 3
Ruhiges Verhalten beeinflusst deshalb nicht nur den aktuellen Ablauf. Kühe können Personen, Orte und Situationen mit den dort gemachten Erfahrungen verbinden.
4. Fluchtzone, Schulterlinie und Balancepunkt
Die Fluchtzone beschreibt den Abstand, innerhalb dessen eine Kuh auf die Annäherung eines Menschen reagiert. Ihre Größe ist nicht bei jedem Tier gleich. Sie wird unter anderem durch das Temperament, frühere Erfahrungen, die Umgebung und die aktuelle Erregung beeinflusst.
In einem engen Treibgang befindet sich der Balancepunkt häufig ungefähr auf Höhe der Schulter. Bewegt sich eine Person innerhalb der Fluchtzone hinter diesen Punkt, kann dies die Vorwärtsbewegung unterstützen. Eine Position vor der Schulter kann dagegen dazu führen, dass die Kuh stehen bleibt, zurückweicht oder sich dreht. 4
Die Schulterlinie ist eine praktische Orientierung, aber keine starre Grenze. Entscheidend ist immer die Reaktion des einzelnen Tieres.

So setzt Du das Prinzip praktisch um
- Halte den Eingang zum Klauenpflegestand frei.
- Nähere Dich der Kuh ruhig von der Seite.
- Bleibe möglichst im Sichtfeld des Tieres.
- Positioniere Dich leicht hinter der Schulterlinie.
- Betritt nur den Rand der Fluchtzone und beobachte die Reaktion.
- Sobald die Kuh vorwärtsgeht, vergrößerst Du den Abstand wieder.
- Bleibt das Tier stehen, kontrollierst Du zuerst den Weg und die Position der beteiligten Personen.
Das Nachlassen des Drucks ist ein wesentlicher Teil der Führung. Dauerhafter oder widersprüchlicher Druck kann dazu führen, dass die Kuh hektischer reagiert oder in eine unerwünschte Richtung ausweicht.
5. Den Eingang nicht selbst blockieren
Häufig positioniert sich eine Person unmittelbar vor dem Eingang des Klauenpflegestandes. Für den Menschen wirkt diese Position kontrolliert. Aus Sicht der Kuh kann die Person jedoch genau dort zum Hindernis werden, wo der Weg weitergehen soll.
Der Eingangsbereich sollte deshalb möglichst frei bleiben. Die führende Person arbeitet besser seitlich am Tier und leicht hinter der Schulter.
Bleibt die Kuh stehen, sollte niemand gleichzeitig von hinten drücken und von vorne ziehen. Kontrolliere zuerst die Beleuchtung, den Boden, Geräusche, seitliche Begrenzungen und die Position aller beteiligten Personen.
6. Individuelle Unterschiede berücksichtigen
Nicht jede Kuh reagiert gleich auf Nähe, Bewegung und Fixierung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bestimmte Reaktionen auf Handling bei einzelnen Tieren über verschiedene Situationen hinweg teilweise stabil bleiben können. 5
Eine Kuh, die bereits beim Annähern deutlich ausweicht, benötigt möglicherweise mehr Abstand und Zeit als ein ruhigeres Tier. Dieser Unterschied sollte bei der Arbeitsplanung berücksichtigt werden.
Auch vorherige ruhige Erfahrungen können eine Rolle spielen. In einer Studie zeigten zuvor schonend gehandhabte Kühe während eines tierärztlichen Vorgangs eine niedrigere Herzfrequenz, weniger Tritte und weniger Unruhe. Die Untersuchung fand nicht während der Klauenpflege statt. Sie zeigt jedoch, dass regelmäßiger ruhiger Kontakt die Reaktion auf körpernahe Arbeiten beeinflussen kann. 6
7. Gewöhnung kann den Umgang erleichtern
Besonders junge Tiere können schrittweise an Nähe, Berührung und feste Abläufe gewöhnt werden.
Eine wissenschaftliche Untersuchung zu strukturiertem Zieltraining zeigte, dass Färsen eine entsprechende Aufgabe innerhalb weniger Einheiten erlernen konnten. Bei einzelnen Stressparametern wurden Unterschiede gemessen, bei anderen jedoch nicht. Daraus lässt sich kein allgemeines Versprechen ableiten. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass kontrollierte Gewöhnung den späteren Umgang unterstützen kann. 7
8. Den Klauenpflegestand vollständig vorbereiten
Ein zügiger Ablauf entsteht nicht durch Hektik. Er entsteht dadurch, dass unnötige Unterbrechungen vermieden werden.
- Der Klauenpflegestand steht stabil.
- Tore und Fixierungen funktionieren ordnungsgemäß.
- Der Arbeitsbereich ist ausreichend beleuchtet.
- Der Boden ist möglichst sauber und bietet ausreichend Halt.
- Klauenmesser, Klauenscheiben und weitere Werkzeuge liegen bereit.
- Klauenklötze, Klauenkleber und Bandagen sind vorbereitet, sofern sie benötigt werden.
- Die vorgesehene persönliche Schutzausrüstung wird getragen.
- Jede beteiligte Person kennt ihre Aufgabe.
Ziel ist kein möglichst schnelles Arbeiten um jeden Preis. Ziel ist ein verständlicher Ablauf, bei dem Tier und Team nicht unnötig warten müssen.
Checkliste vor der ersten Kuh
- Ist der gesamte Laufweg frei?
- Sind Schatten und Spiegelungen geprüft?
- Ist der Eingang gut sichtbar?
- Funktionieren die Tore ruhig und zuverlässig?
- Bietet der Boden ausreichend Halt?
- Bleibt der Kontakt zu anderen Tieren möglichst lange erhalten?
- Ist der Wartebereich passend belegt?
- Führt nur eine Person das Tier?
- Steht niemand unmittelbar vor dem Eingang?
- Liegen alle benötigten Arbeitsmittel bereit?
Häufige Fragen zur stressarmen Klauenpflege
Warum geht eine Kuh nicht in den Klauenpflegestand?
Mögliche Gründe sind ein auffälliger Schatten, eine Spiegelung, ein Gegenstand im Laufweg, ein ungewohnter Boden, Lärm oder eine Person im Eingangsbereich. Prüfe deshalb zuerst die Umgebung, bevor Du den Druck erhöhst.
Wo befindet sich der Balancepunkt einer Kuh?
In einem engen Treibgang liegt der Balancepunkt häufig ungefähr auf Höhe der Schulter. Eine Position leicht hinter der Schulter kann in vielen Situationen die Vorwärtsbewegung unterstützen. Die genaue Reaktion hängt jedoch vom Tier und von der Umgebung ab.
Sollte eine stehende Kuh stärker angetrieben werden?
Mehr Druck ist nicht automatisch wirkungsvoller. Kontrolliere zunächst den Laufweg, die Beleuchtung, Geräusche und die Position der beteiligten Personen. Beginne anschließend erneut mit ruhigen und eindeutigen Bewegungen.
Fazit
Stressarme Klauenpflege beginnt mit der Umgebung. Schatten, Lärm, unbekannte Gegenstände, soziale Trennung und widersprüchliche Signale können dazu beitragen, dass eine Kuh stehen bleibt.
Ein klarer Treibweg, ein frei gehaltener Eingang und eine ruhige Person an der richtigen Position erleichtern dem Tier die Orientierung. Individuelle Unterschiede und vorherige Erfahrungen sollten dabei berücksichtigt werden.
Es geht nicht darum, eine Kuh mit möglichst viel Druck in den Klauenpflegestand zu bringen. Der Weg sollte so verständlich gestaltet sein, dass möglichst wenig Druck notwendig wird.
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ALLREDO B2B Shop entdeckenHinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Die baulichen Gegebenheiten und die Reaktionen einzelner Tiere unterscheiden sich von Betrieb zu Betrieb. Bei Lahmheit, Verletzungen, ungewöhnlichem Verhalten oder Sicherheitsrisiken sollte eine entsprechend qualifizierte Fachperson hinzugezogen werden.
Wissenschaftliche Quellen
- Willson, D. W., Baier, F. S. und Grandin, T. 2021. An observational field study on the effects of changes in shadow contrasts and noise on cattle movement in a small abattoir. Meat Science, 179, 108539. Studie öffnen
- Herskin, M. S., Munksgaard, L. und Andersen, J. B. 2007. Effects of social isolation and restraint on adrenocortical responses and hypoalgesia in loose housed dairy cows. Journal of Animal Science, 85, 240 bis 247. Studie öffnen
- Pajor, E. A., Rushen, J. und de Passillé, A. M. B. 2000. Aversion learning techniques to evaluate dairy cattle handling practices. Applied Animal Behaviour Science, 69, 89 bis 102. Studie öffnen
- Grandin, T. 1998. Reducing handling stress improves both productivity and welfare. The Professional Animal Scientist, 14, 1 bis 10. Studie öffnen
- Gibbons, J. M., Lawrence, A. B. und Haskell, M. J. 2011. Consistency of flight speed and response to restraint in a crush in dairy cattle. Applied Animal Behaviour Science, 131, 15 bis 20. Studie öffnen
- Waiblinger, S., Menke, C., Korff, J. und Bucher, A. 2004. Previous handling and gentle interactions affect behaviour and heart rate of dairy cows during a veterinary procedure. Applied Animal Behaviour Science, 85, 31 bis 42. Studie öffnen
- Marchesini, G. und weitere. 2024. Management of dairy heifers: Can operant conditioning be an effective and feasible tool to decrease stress and ease animals' close contact and handling? Journal of Dairy Science, 107, 4973 bis 4986. Studie öffnen